2019 Audi TTS Fahrbericht

2018 Tobias Sagmeister, TH (1) & Drive-My

1998 kam der erste Audi TT auf den Markt. 20 Jahre danach feiert jetzt die renovierte dritte Generation auf der Isle of Man Premiere – bei einer Party, die seinem Namen alle Ehre macht.


Zum 20-Jährigen wünschen wir dir alles Gute, lieber TT!

 


2019 Audi TTS

 

Innerorts gibt  es Tempolimits,  am Hotel  Creg-ny-Baa nicht


Das traditionsreichste, schnellste und gefährlichste Motorradrennen der Welt wird auf einem 60,725 Kilometer langen Kurs durch Dörfer und über Land ausgetragen: die Isle of Man Tourist Trophy. Dafür steht das TT im Namen des Audi-Sportlers, dessen 20. Geburtstag die Ingolstädter pünktlich zum Facelift auf dem Eiland zwischen Irland und England feiern. Beim Größenvergleich mit der Insel reichen schon Aachen und Köln, um mit ihr fast gleichzuziehen. 566 zu 572 km². 1,3 Millionen Einwohner hier, 83 314 dort. Schwarz-Rot-Gold auf der einen Fahne, ein Trinacria aus drei gepanzerten Beinen auf der anderen. Bundesautobahn 4 versus … äh, keine Autobahn.

Die Manxmen und Manxwomen sausen über Landstraßen. Tempolimit? Klar. In Ortschaften oder vor Altenheimen, Schulen oder Kindergärten. Ansonsten: no limits. Für die Testfahrt gilt wegen besonderer Umstände dann doch eins. Vor der Haarnadelkurve in Ramsey blockiert die Polizei mit Zäunen und einem gelben Schild die Straße: „Mountain road closed“. Unsere TTSchar darf passieren, denn Audi reservierte einen 16 Kilometer langen Abschnitt für die Geburtstagsparty. Der Snaefell Mountain Course ist somit heute auf einem Teilstück Rennstrecke, also gibt’s auch ein Sicherheits-Briefing – in dem sie uns das Speedlimit aufbrummen: 90 Meilen pro Stunde. Hmm, sicher sinnvoll, trotzdem bitter.

Aber ja, 145 km/h sind genug, um sich die Karten zu legen, weshalb die Linie ein In- struktor vorfährt: Der Kerl im roten Coupé ist der Chef. Alles klar, kapiert. Gentlemen, start your engines! Im sportlichen TTS ist das der bewährte EA-888-Vierzylinder, der auch im VW Golf GTI und Seat Leon Cupra arbeitet. Die Abgase werden im Audi nun partikelgefiltert, was den Motor vier PS für die Euro-6d-Temp-Norm kostet (306 statt 310 PS). Dafür pusht eine Newtonmeterspritze das Drehmoment auf 400 Nm (+20).


2019 Audi TTS

 

War das jetzt diese eine Kurve? Das Virtual Cockpit hilft im Navi-Modus


TT-Luft schnuppern

Kaum gibt der Instruktor das Zeichen, schon klebt das rechte Pedal auf dem Boden. Nichts mit durchdrehenden Rädern; unnötigen Schlupf überlässt der Allradantrieb anderen. Der Motor ist nach wie vor keiner, der mit hohen Drehzahlen oder Soundkaskaden auf große Emotion macht. Aber einer, der mit Effizienz und munterem Turbolader viel Power an die Antriebswellen schickt und gleichmäßig bis zum Drehzahllimit von 6800/min zieht. Die Geräuschkulisse bleibt wegen des relativ zurückhaltenden Auspuffs dezent, das Lautsprechergetöse des Soundaktuators soll es kompensieren, was aber nur unzureichend gelingt. Immerhin ist es im Indi vidualmodus abstellbar, ohne andere Ein- stellungen zu beeinflussen.

Nach der Beschleunigungserprobung wird umgehend klar, wie hilfreich unser Mann im roten TT Coupé ist. Schon die zweite Rechtskurve im Bereich Waterworks ist eine von vielen, die nicht nur nicht einsehbar ist, sondern im Verlauf auch noch zumacht. Wobei: Wenn du überhaupt irgendwo abfliegen musst, dann am besten hier. Obwohl es logischerweise nirgends Auslaufzonen gibt, ist an der Stelle wenigstens eine Streckenbegrenzung vorhanden, die halbwegs professionell aussieht. Die meisten anderen sind nämlich aus Stein. Oder Baum. Oder Abhang.

Deshalb fahren wir nach dem Gran-Turismo-Prinzip, schneiden die spitzeren Kurvenkombinationen in einem weiten Bogen, nutzen die gesamte Straßenbreite – flüssiges Hochgeschwindigkeitssegeln statt eckiges Reifenfoltern. Unter Verwendung beider Spuren so durch die Kurven zu knallen, dass die Pirelli P Zero sportliche Seitenführungskräfte aufbauen, würde verhältnismäßig wahnsinnige Geschwindigkeiten bedingen – das kann für eine Gruppe Fahrer ohne genaue Streckenkenntnisse keine gute Idee sein.

Außerdem bleiben so Kapazitäten übrig, um weiter oben auf dem Berg die spektakuläre, völlig baumfreie Weitsicht wirken zu lassen. Und die Vorstellungskraft: Wie fühlt sich das wohl an, wenn du wie Mark Higgins mit einem Auto in weniger als 18 Minuten über den Kurs hämmerst? Youtube-Tipp: „Subaru WRX Isle of Man“. Wir rollen letztmalig die lange Gerade zum berühmten Hotel Cregny-Baa-runter, wo eine Horde Biker darauf wartet, dass die Deutschen mit den Audi ihr Programm endlich zu Ende bringen. Während die Straßensperren abgebaut werden, schauen wir uns den Wagen genauer an. Bug- und Heckteil wurden umgestaltet, etwa mit Deko-Elementen, die wie Lüftungsöffnungen aussehen, aber geschlossen sind. Ansonsten gibt es neue Farben und einen beleuchteten USB-Port. Facelift halt.


2019 Audi TTS

 

Bis die FaceliftVersion des TT RS nachgereicht wird, ist der circa 1,4 Tonnen schwere TTS das Alphatier


Jede Minute zählt

Genug geguckt. Wie ist das grandiose Stück Straße im regulären Betrieb? Rockt der Audi auch dann? Und lohnt sich die Reise zur Man mit dem eigenen Auto, für die du zunächst quer durch England zur Fähre nach Lancaster gondeln musst? Das Problem beim Ausloten: Die Strecke ist eine Hauptverbindungsstraße, die jetzt mit Beginn des Feierabendverkehrs freigegeben wird. Einfach später wiederkommen? Geht nicht, die Audi-Leute brauchen ihre Autos um sieben Uhr zurück. Es hilft alles nichts: ab in den Berufsverkehr.

Kaum ein Einheimischer nutzt heute sein „Freie-Fahrt-Privileg“. Die meisten gurken mit 70 bis 100 km/h – allein die Biker meinen es ernst. Wenn nur das Überholen im linksgelenkten Audi nicht so problematisch wäre. Der druckvolle Motor ist zu allem bereit, aber die eingeschränkte Sicht mahnt zu Zurückhaltung. Die Uhr tickt, ab 18 Uhr sind genug Lücken da, um eine Wartestrategie zu verfolgen. Auf der Mountain Mile mal bis gut 200 km/h durchziehen, die ansteigende Bungalow-Kurvenkombi mit spürbarer Querdynamik noch im Bereich des flüssigen Fahrens feiern. Jetzt läuft es immer mal wieder für ein kleines Zeitfenster: Das Fahren ohne Tempolimit ist unfassbar befreiend – die Pirellis fangen an zu reden, die g-Kräfte steigen, die Radlasten sind höher, der Bremsdruck ist stärker.

Der TTS fährt stets problemlos und neutral, im Sportmodus steigt das Handmoment der Lenkung auf ein passendes Maß an, das Fahrwerk kommuniziert deutlicher. Dennoch bleibt die serienmäßige Progressivlenkung um die Mittellage zu indirekt. Für einen sauberen Geradeauslauf muss mit dieser Auslegung fast nicht korrigiert werden, was Audis hohen Komfortanspruch erfüllt.


2019 Audi TTS

 

Bei 120 km/h stellt sich der Spoiler elektrisch auf, bei 250 km/h liefert er circa 50 kg Abtrieb


Sportlich wird die Lenkung erst, sobald die Mittellage überwunden ist. Beim Einlenken passt das initiale Lenkgefühl nicht so richtig zur querdynamischen Performance des TT: Der Audi fährt sportlicher um die Ecken, als es die Lenkung suggeriert. Speziell beim übergangsfreien Umsetzen in der Links-rechts-links bei Guthrie’s Memorial wird das deutlich. Und sonst? Nun, die S tronic wurde um einen Gang auf sieben erweitert, die unteren Gänge sind nun kürzer übersetzt. Schnelle Schaltzeiten und ein feiner Automatikmodus im Alltag überzeugen.

Aber der eingeschränkte manuelle Modus piekst die Selbstschalter so unangenehm wie ein guter Treffer auf den Musikknochen: der Kick-down-Knopf bleibt aktiv, am Begrenzer schaltet die Software automatisch hoch. Ein Schaltgetriebe wäre die Alternative, ist aber nur noch für die Fronttriebler im Angebot. Trotzdem: Das Fahren macht Spaß. Und der Komfort? Den bestätigt der TTS auf dem Weg zum Hotel auf zermarterten Dorfstraßen. Ach ja: happy birth day, Alter – vielen Dank für die starke Party!


FAZIT

Der TTS ist an ein, zwei Stellen spürbar auf Komfort fixiert. Sportfahrer sehen hier verschenktes Dynamikpotenzial. Allen anderen ermöglicht der modellgepflegte Audi – wie schon sein Vorgänger – jederzeit schnelles Fahren ohne irgendwelche Zickereien. Passt also.

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